Meine vorletzte Etappe auf dem Sigwardsweg begann heute Morgen natürlich erst einmal wieder mit dem üblichen Bahn-Chaos. Die Verbindung, die mir die Fahrplanauskunft ausgespuckt hatte um gegen 09:00 Uhr in Nendorf starten zu können, führte mit dem RE um 07:28 Uhr von Haste nach Minden, von dort mit der Eurobahn bis Leese-Stolzenau und von dort mit dem Bus nach Nendorf. Da ich in Minden nur neun Minuten Zeit für den Umstieg gehabt hätte, was mir bei der bekannten Unzuverlässigkeit des ÖPNV in Deutschland zu wenig war, hatte ich beschlossen, bereits um 07:00 Uhr mit der S-Bahn nach MInden zu fahren, dort im der Bahnhofsbäckerei zu frühstücken und dann mit der Eurobahn weiterzufahren.

Als ich dann ca. zehn Minuten vor 07:00 Uhr auf den Bahnsteig kam, sagte mir die Anzeige, dass die S-Bahn heute nur bis Stadthagen fuhr. Die Strecke zwischen Stadthagen und Minden sei „wegen der Reparatur an einer Weiche“ gesperrt. Ich wollte schon wieder nach Hause gehen und die Tour an einem anderen Tag gehen, als mir eine Lösung einfiel: Ich habe dann einfach die S-Bahn in die andere Richtung genommen, bin bis Wunstorf gefahren, dort in die S-Bahn nach Nienburg umgestiegen und von dort mit genau dem Bus, in den ich auf dem anderen Weg in Leese-Stolzenau eingestiegen wäre, von Nienburg nach Nendorf gefahren.

Da die S-Bahn von Wunstorf nach Nienburg letztendlich auch fast 15 Minuten Verspätung hatte, wäre es fast noch einmal knapp geworden. Aber die Zeit hat dann doch noch gereicht, um mir beim Bäcker in Nienburg im Bahnhof ein belegtes Brötchen zu holen.

In Nendorf angekommen bin ich dann auch sofort losgegangen. Als Etappenziel für heute hatte ich mir zwei Alternativen offen gehalten. Ich wollte mindestens bis nach Ovenstädt gehen, das wären ca. 18 Kilometer Strecke gewesen. Die Alternative war – bei günstigen Bedingungen – die heutige Etappe in Petershagen zu beenden. Von dort ist die Anbindung an den ÖPNV deutlich besser.

Die erste Stunde verlief recht ereignislos. Die Landschaft war abwechslungsreich, der Weg führte teilweise durch blühende Obstbaumalleen vorbei an den nun in voller Blüte stehenden Rapsfeldern und tiefblauen Kiesteichen. Bereits nach etwa zwei Kilometern war ich so in meine Kontemplation eingetreten, dass ich wohl eine Wegmarkierung übersehen habe. Plötzlich vibrierte es an meinem Handgelenk und eine Fee flüsterte mir elektronisch per Signal-Messenger: „Hättest du da nicht eben links abbiegen müssen?“ Wofür das Live-Tracking doch alles gut sein kann…

Hinter Diethe erreiche ich dann heute zum ersten Mal die Weser.

Blick über eine Wiese auf die Weser

Der Weg führt ein Stück weit an der Weser entlang. Nach weiteren etwa 20 Minuten taucht dann am Horizont zum ersten Mal die Silhouette des Kraftwerks in Lahde auf. Das Kraftwerk liegt in etwa auf der Höhe meines heutigen Tagesziels, allerdings auf der anderen Seite der Weser.

Blick über die Weser, im Hintergrund das Kraftwerk Lahde.

Weitere fünf Minuten später führt mich der Weg dann vom Weserufer weg und auf die Ortschaft Buchholz zu. Schon aus einiger Entfernung ist mein nächster Wegpunkt – die Johannes-Kirche in Buchholz – zu sehen.

Blick entlang des Weges auf Buchholz zu.

Hier wurde wahrscheinlich schon zur Zeit der sächsischen Besiedlung im 6. Jahrhundert n. Chr. eine Kirche errichtet. Die heutige Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert. Es handelt sich um einen mächtigen Bau aus massiven Feldsteinen.

St. Johannes-Kirche in Buchholz

Erfreulicherweise ist die Kirche offen. Im Inneren ist es jedoch stockdunkel, weil trotz strahlendem Sonnenschein durch die Buntglasfenster nur wenig Licht ins Innere dringt.

Buntglasfenster der Kirche

Das Innere der Kirche ist eher schlicht gehalten. Besonders beeindruckend finde ich das Wandbild des auferstandenen Christus an der Rückseite des Altarraums.

Altarraum mit Wandbild der auferstandenen Christus

Ich trage mich ins das Besucherbuch der Kirche ein – einen Stempel finde ich leider nicht – und setze dann meinen Weg fort.

Zwischen Großenheerse und Raddestorf komme ich an einer sehr gut erhaltenen Windmühle vorbei.

Windmühle in Großenheerse

Es handelt sich um eine Kappenmühle, die klassisch auf einen künstlichen Hügel gebaut ist. Der direkt nebenan liegende Landgasthof heißt bezeichnenderweise „Zur Mühlenwirtin“.

Der Kiesabbau scheint hier an der Mittelweser zwischen Nienburg und Minden ein nicht unbedeutender Wirtschaftsfaktor zu sein. Ein kurzes Wegstück weiter komme ich diesmal an einer Kiesgrube vorbei, die noch in Betrieb ist.

Kiesgrube bei Raddestorf

Pünktlich mit dem Glockenschlag um 12:00 Uhr habe ich meinen nächsten Wegpunkt erreicht. Es handelt sich diesmal um die Lutherkirche in Raddestorf.

Lutherkirche in Raddestorf

Die Kirche ist – vergleichen mit den bisherigen Kirchen am Weg – relativ neu, sie wurde wohl in den 20 Jahren des vorigen Jahrhunderts erbaut. Die Kirche selbst ist verschlossen und nicht einmal eine Informationstafel gibt nähere Auskünfte.

Eine Gelegenheit meine Mittagspause zu verbringen hätte es – wenig ansprechend – in der nebenan gelegenen Bushaltestelle gegeben. Die Routenplanung weist allerdings in einer Entfernung von ca. 3 km einen sehr schön aussehenden Rastplatz aus und so beschließe ich, meinen Weg fortzusetzen und dort meine Mittagspause zu verbringen.

Der Weg führt zunächst asphaltiert aus Raddestorf hinaus. Dann biegt der befestigte Weg nach rechts ab, die Wegmarkierung zeigt jedoch geradeaus auf eine Wiese. Ich will gerade zweifeln, da erkenne ich im Gras der Wiese einen Trampelpfad und folge diesem. Nach einiger Zeit erkenne ich, dass ich tatsächlich auf dem richtigen Weg bin, an einem Zaunpfahl ist eine Wegmarkierung angebracht.

Dann geht es weiter an einem Waldstück entlang buchstäblich über Stock und Stein bis ich schließlich zurück auf befestigte Wege und in die Ortschaft Kleinenheerse komme. Hier finde ich auch den wirklich sehr schönen Rastplatz, an dem ich meine Mittagspause verbringe.

Rastplatz bei Kleinenheerse

Dann geht es weiter in den Glisser Bruch, ein stillgelegtes Kiesabbaugebiet. Hier sind an den Seen und Teichen verschiedentlich Badeplätze angelegt. An einer solchen Stelle setze ich mich kurz auf einen Steg und schaue aufs Wasser.

Steg an einer stillgelegten Kiesgrube

Die Freude währt allerdings nicht lange, denn Schwärme von Mücken umkreisen mich bereits nach kurzer Zeit, sodass ich schnell Zeit meinen Weg fortsetze.

Weiter geht es durch die blühenden Rapsfelder. Noch vor einer Woche war die Farbe der Rapsfelder eher hellgelb mit einem Stich grün. Heute stehen die meisten Felder in voller Blüte und die Farbe hat zu einem satten Gelb gewechselt.

Blick über ein blühendes Rapsfeld, im Hintergrund zwischen den Bäumen ist bereits die Kirchturmspitze der Apostelkirche Ovenstädt zu erkennen.

Mein nächster Wegpunkt ist dann die Apostelkirche in Ovenstädt, die ich um kurz vor 14:00 Uhr erreiche.

Apostelkirche Ovenstädt

Auch diese Kirche stammt aus der romanischen Zeit und wurde in ihren Grundzügen zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert aus Obernkirchener Sandstein gebaut. Wie andere Kirchen am Weg auch, lag diese Kirche im Grenzgebiet zwischen dem Bistum Minden und der Grafschaft Hoya und so wurde der Turm als Wehrturm erbaut.

Die Kirche wurde nach ihrer Erbauung mehrfach umgebaut, unter anderem, nachdem im 30-jährigen Krieg der Dachstuhl und die Turmspitze zerstört wurden. In ihrer heutigen Form zeigt sich die Kirche nachdem sie im Zuge einer umfassenden Renovierung im Jahr 1772 zu einer spätbarocken Kirche umgebaut wurde.

Das Innere der Kirche soll sehr bedeutende sakrale Kunstgegenstände beherbergen. Leider ist auch diese Kirche verschlossen.

Damit habe ich mein optionales Etappenziel für den heutigen Tag bereits erreicht. Von hier aus könnte ich jetzt mit einem Anrufbus nach Petershagen fahren und von dort den Heimweg antreten. Da es aber noch früh am Nachmittag ist und ich noch recht gut bei Kräften bin, beschließe ich heute noch, bis nach Petershagen weiterzugehen.

Nachdem ich Ovenstädt verlassen habe, führt mich der Weg zurück ans Weserufer. Hier werde ich Zeuge der hervorragenden Verteidigungsbereitschaft unserer Bundeswehr. Am gegenüberliegenden Weserufer sehe ich eine aus vier Schwimmfahrzeugen gebildete Pontonbrücke. Die überspannt aber nicht etwa die Weser, sondern liegt parallel zum deren Ufer. Die zugehörigen Soldaten liegen auf den Pontons und schlafen in der Sonne.

Schwimmfahrzeuge der Bundeswehr bilden eine Behelfsbrücke, die aber am Ufer festgemacht ist.

Kurz darauf erreiche ich die Ortschaft Gernheim. Hier gab es im 19. Jahrhundert eine bedeutende Glashütte. Die ehemalige Glashütte ist heute ein Museum. Vor allem der Kegelturm der Glashütte ist ein beeindruckendes Bauwerk.

Kegelturm der Glashütte Gernheim, heute ein Museum

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegen die ehemaligen Unterkünfte der Arbeiter.

Ehemalige Arbeiterhäuser der Glashütte

Die „Herrschaften“ residierten dagegen wesentlich feudaler. Zum „Herrenhaus“ wurde eine ehemalige Scheune umgebaut.

Herrenhaus der Glashütte Gernheim

Hinter dem Ort, auf dem Weg nach Petershagen, komme ich wieder in die Weserauen. Ich will mich gerade fragen, warum die Wege in Richtung auf das Weserufer hin alle gesperrt sind, da finde ich bereits an der ersten Absperrung die Erklärung:

Auf einem Hochspannungsmasten direkt am Weserufer brütet ein Fischadlerpaar.

Horst eines Fischadlerpaars auf einem Hochspannungsmast

Im Jahr 2024 wurde das Brutpaar von Menschen gestört und hat den Brutversuch abgebrochen. Daraufhin wurde das Gebiet im Jahr 2025 weiträumig abgesperrt und die Brut war im letzten Jahr erfolgreich. Ob in diesem Jahr wieder dort gebrütet wird, war den Schildern nicht zu entnehmen. Mich beeinträchtigten die Sperrungen nicht, weil mein Weg in eine andere Richtung führt.

In der Niedermasch komme ich noch einmal – jetzt allerdings in größerer Entfernung – an einer Windmühle vorbei.

Windmühle in der Niedermasch bei Petershagen.

Dann habe ich mein heutiges Etappenziel Petershagen erreicht. Da meine Kräfte nun doch deutlich nachlassen und die Schlussetappe kürzer wird, verschiebe ich die Besichtigungen in Petershagen auf den Tag der Schlussetappe und gehe auf direktem Weg zur Bushaltestelle. Der Bus bringt mich dann nach Minden, wo ich zum Bahnhof gehe und mit der S-Bahn – die inzwischen wieder fährt – den Heimweg antrete.

Auch diese Etappe habe ich wieder bei Komoot aufgezeichnet:

Die letzte Etappe werde ich möglicherweise in der nächste Woche gehen. Mal sehen, ob es klappt.

Von Michael

2 Kommentare zu „Auf dem Sigwardsweg von Nendorf nach Petershagen“
  1. Fun Fact: Der Mast, auf dem die Fischadler brüten, ist ein sogenannter Donaumast 🤓
    Das sieht wieder nach einer sehr schönen Tour bei bestem Wetter aus!

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