Nachdem es ein gutes halbes Jahr in diesem Blog ziemlich still war, geht es nun weiter. Ich habe es endlich geschafft, mal wieder ein Stück auf dem Sigwardsweg voranzukommen.
In meinen letzten Berichten hatte ich ja schon angemerkt, dass die Anbindung des Weges an die ÖPNV-Infrastruktur im nördlichen Teil nicht so gut ist wie im südlichen Teil. Das muss ich ein Stück weit relativieren. Bei den Detailplanungen habe ich festgestellt, dass es durchaus auch im nördlichen Teil Möglichkeiten gibt, Tagesetappen so zu planen, dass eine An- und Abreise mit dem ÖPNV möglich ist.
Dennoch habe ich mich beim Start für den zweiten Teil dafür entschieden, eine Tour über zwei Tagesetappen zu gehen, nicht zuletzt, weil es in Schlüsselburg eine ausgewiesene Pilgerherberge gibt.
Die Etappen führen mich im Anschluss an die allererste Etappe, die ich von Haste nach Bad Rehburg gegangen bin, eben von Bad Rehburg nach Schlüsselburg und am zweiten Tag von Schlüsselburg nach Nendorf.
Schon die Anreise am ersten Morgen gestaltet sich etwas kurios. Normalerweise wäre ich mit dem Zug bis nach Wunstorf und von dort mit dem Bus nach Bad Rehburg gefahren. Da aber Verdi zum Streik im ÖPNV aufgerufen hat und auch der Regiobus davon betroffen ist, muss ich mit der S-Bahn über Wunstorf nach Nienburg fahren und von dort aus mit dem Mittelweser-Bus nach Bad Rehburg. So bin ich schon mal zwei Stunden unterwegs, bevor ich mich von Bad Rehburg aus auf den Weg machen kann.
Dann geht es aber endlich los und durch die Kuranlagen von Bad Rehburg geht es bald in den Wald. Hier zeigt sich einmal wieder, warum man von den Rehburger Bergen spricht. Der Anstieg ist zwar kurz, aber durchaus nicht ohne Anstrengung. Oben angekommen erreiche ich die Georgshöhe. Hier steht ein Gedenkstein, der daran erinnert, dass König Georg II, König von Großbritannien und Irland und Kurfürst von Hannover im Jahre 1752 Rehburg zum Bad erhob.
Weiter geht es auf dem Weg der Zisterzienser durch den Wald in Richtung Münchehagen. Eine weitere Informationstafel informiert darüber, dass bereits die Zisterziensermönche, die das Kloster Loccum gegründet haben, im 16. Jahrhundert hier in den Rehburger Bergen Steinkohle abgebaut haben.
Nach kurzer Zeit erreiche ich Münchehagen. Vorbei am Eingang des Dino-Parks durchquere ich auf Nebenstraßen den Ort. Hinter Münchehagen wandere ich zunächst durch Felder bis ich den Klosterforst des Klosters Loccum erreiche. Der Weg durch den Wald zeigt wieder einmal, dass der Sigwardsweg nicht für Radfahrende gedacht ist. Buchstäblich über Stock und Stein geht es stellenweise voran.
Im Klosterforst mache ich einen kurzen Abstecher vom Weg zur Luccaburg.
An dieser Stelle befindet sich die „Keimzelle“ des Klosters Loccum. Im Jahre 1163 stiftete Graf Wulbrand von Hallermund die Luccaburg und die umliegenden Wälder und Ländereien den Zisterziensermönchen. Wenig später machten sich Mönche aus dem Kloster Volkenroda auf den Weg, um hier ein neues Kloster zu gründen. Die Luccaburg war ihr erstes Lager.
Vorbei am Brauteich geht es dann weiter durch den Wald in Richtung Kloster.

Als ich aus dem Wald herauskomme, eröffnet sich endlich der erste Blick auf das Kloster.

Entlang der Klostermauer gehe ich weiter auf das Gelände zu.

In meiner aktiven Dienstzeit habe ich mehrfach an Führungskräfteseminaren des Kirchlichen Dienstes teilgenommen, die Frank Waterstraat damals im Kloster durchgeführt hat. Zu der Zeit waren die Teilnehmenden der Seminare noch im Haupt- und Verwaltungsgebäude untergebracht. Inzwischen ist auf dem Gelände eine neues „Slaphus“ errichtet worden, in dem sowohl die Angehörigen des Priesterseminars als auch die Gäste untergebracht werden.


Natürlich besuche ich auch die Klosterkirche und hole mir dort meine Pilgerstempel ab.

Ich schaue mich in der Kirche um und werfe auch einen Blick in den Kreuzgang und den Kapitelsaal.





Passend zum Mittagsläuten um 12:00 Uhr setze ich mich noch im Klostergelände auf eine Bank und verzehre meinen Proviant für die Mittagspause. Ein älterer Herr auf einem Fahrrad kommt vorbei und ist sehr mitteilungsbedürftig. Er fragt mich aus, was ich denn hier wohl mache und ob ich auch zu den „Pastores“ gehöre, die hier ausgebildet werden. Er erzählt mir kuriose Dinge vom „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“, das er zeitlich offenbar in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts verortet und versucht mich davon zu überzeugen, dass der Kommunismus der Welt nur Schlechtes gebracht habe, angefangen bei dem Halunken, der damals die Reformation angezettelt hat.
Nachdem der Herr wieder seines Weges gefahren ist und ich meine Vesper beendet habe, mache ich mich wieder auf den Weg. Der führt mich durch die Klosterpforte hinaus und ein Stück die Hauptstraße des Ortes entlang. Dann geht es auf Nebenstraßen wieder aus dem Ort hinaus und zunächst durch Felder in den Wald hinein.
Dann wird es richtig laut. Offenbar befindet sich in der Nähe ein Außenlandeplatz des Internationalen Hubschrauberzentrums in Achum (vormals Heeresflieger-Waffenschule). Mindestens zwei Helikopter vom Typ Eurocopter EC135 kreisen über dem Wald und donnern immer wieder mit knatternden Rotoren in niedriger Höhe über den Wald hinweg.
Erst nach einer ganzen Weile und als mich der Weg schon wieder aus dem Wald herausgeführt hat, wird es langsam erträglicher.
Dann führt der Weg schließlich ein Stück an der Bahnstrecke der sogenannten Natobahn entlang.

Ich unterquere die Bahnstrecke nach kurzer Zeit durch einen Tunnel und gelange in die Ortschaft Heimsen. Der Ort ist bekannt als eines der Dörfer an der Mittelweser, aus denen Männer im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in größerer Zahl auf Fischdampfern auf der Nordsee anheuerten. Aus diesem Grund gibt es hier auch ein Heringsfänger-Museum, an dem ich kurz darauf vorbeikomme. Das Museum ist allerdings heute geschlossen.
Im Ort weiche ich dann wieder mal vom Weg ab und mache einen kurzen Abstecher, um die Kirche des Ortes zu besuchen.

Es handelt sich um eine im romanischen Stil zu Beginn der 13. Jahrhunderts errichtete Saalkirche. Zu meiner großen Freude ist die Kirche geöffnet, und so nutze ich die Gelegenheit, sie mir auch von innen anzusehen.




Einen Pilgerstempel für mein Buch gibt es dann auch noch.
Nach dem Besuch der Kirche setze ich den Weg fort und komme kurz darauf an einem Hofcafé vorbei. Ich setze mich bei strahlenden Sonnenschein in den Cafégarten und genieße ein Stück Kuchen und einen Kaffee.
Frisch gestärkt geht es dann weiter in Richtung auf das heutige Etappenziel. Der Weg führt jetzt zunächst direkt am Ufer der Weser entlang.

Dann geht es aber noch einmal weg vom Fluss und auf dem straßenbegleitenden Rad- und Fußweg an einer Landstraße entlang. Am Gut Neuhof zeigt die Ausschilderung dann an, dass ich die Straße überqueren und meinen Weg auf einer Wiese fortsetzen soll. Ich zweifele zunächst, erkenne dann aber im Gras so etwas wie einen Trampelpfad und folge diesem. Der Pfad führt mich wieder ans Weserufer und in der Ferne ist bereits die Staustufe in Schlüsselburg zu erkennen.

Über das Bauwerk der Staustufe überquere ich den Fluss und habe ca. zehn Minuten später, ziemlich genau um 16:00 Uhr, die Pilgerherberge in Schlüsselburg erreicht, wo ich die Nacht verbringen werde. Warum auch immer – hier habe ich leider keine Fotos gemacht.
Die Länge der heutigen Etappe betrug 20,6 Kilometer, die reine Gehzeit betrug 4:19 Std.
Ich werde sehr herzlich von der Mutter der Pastorin empfangen, die die Herberge betreut. Ich bin an diesem Tag der einzige Gast hier. Die Herberge ist einfach, eingerichtet, aber sehr sauber und ordentlich. Da ich Selbstversorger bin, zahle ich für die Übernachtung hier auch nur 18,- €. Ich ruhe mich zunächst etwas aus und mache mich dann noch einmal auf zu einer Runde durch das Dorf.
Ich komme an der Kirche vorbei, besuche das Scheunenviertel und anschließend die Burg Schlüsselburg.

Die Burg wurde im 14. Jahrhundert vom Bischof von Minden errichtet und sollte das Bistum gegen Angriffe aus dem Norden, insbesondere vor den Grafen von Hoya schützen. Das heutige Gebäude stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde von Ludolf von Klenke, der von der Hämelschenburg stammt, errichtet.
Ich sammle noch ein paar Caches und kehre dann in die Herberge zurück. Nach einem kurzen Abendessen und einer Dusche gehe ich dann recht früh ins Bett.
Am nächsten Morgen werde ich um 07:00 Uhr von meinem Wecker geweckt. Ich möchte heute etwas früher aufbrechen, weil ich von meinem heutigen Etappenziel aus um 15:00 Uhr eine recht günstige Verbindung für den Heimweg habe. Da ich nicht weiß, wie ich nach dem anstrengenden Tag gestern voran kommen werde, möchte ich ausreichend Zeit für die Etappe haben.
Ich esse zwei Müsliriegel und koche mir Tee zum Frühstück. Dann richte ich mein Gepäck und als ich gerade um kurz nach 08:00 Uhr aufbrechen will, erscheint Frau Witte, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Wir gehen dann zusammen zur Kirche und sie schließt mir die Kirche auf, damit ich auch hier noch einen Blick in das Innere werfen kann.
Es handelt sich um eine gegen Ende des 16. Jahrhunderts gebaute Saalkirche. Im Inneren ist die Kirche eher schlicht gehalten.


Wesentlicher und fast einziger Schmuck in der Kirche ist ein hölzernes Epitaph, das ca. 1588 von Hildesheimer Bildhauern geschaffen wurde. Es zeigt in der Mitte eine Kreuzigungsszene und links und rechts die beiden Stifter, besagten Ludolf von Klencke und seine Ehefrau Sophia von Saldern.
Nach der Besichtigung der Kirche verabschiedet mich Frau Witte mit einem Segen und ich mache mich auf den weiteren Weg. Zunächst komme ich am Scheunenviertel vorbei, das ich bereits gestern Abend besucht hatte.

Der Weg führt zunächst an der Straße in Richtung Stolzenau entlang. Etwa auf halber Strecke zwischen den beiden Ortschaften überquere ich den Schleusenkanal an der Schleuse Schlüsselburg.

Direkt hinter der Schleuse wird es dann wieder abenteuerlich. Die Ausschilderung zeigt mir an, dass ich über eine Treppe an das Kanalufer absteigen und dort den Weg fortsetzen soll. Ein Weg ist hier allerdings kaum zu erkennen.
Nachdem ich etwa 500 Meter gegangen bin, treffe ich wieder auf die Straße, die mich dann nach Stolzenau hineinführt.
Auch hier weiche ich wieder vom vorgegebenen Weg ab, um zumindest einen Blick auf die evangelische Kirche zu werfen. Warum ein Pilgerweg nicht so angelegt ist, dass er an den Kirchen der Orte vorbeiführt, habe ich mich im Verlauf des Weges bereits mehrfach gefragt.
Der gedrehte Turm der Kirche ist das Wahrzeichen der Stadt. Die Kirche ist – wie ich es kaum anders erwartet habe – verschlossen.
In der örtlichen Filiale einer Großbäckerei nehme ich dann mein Frühstück ein. Frisch gestärkt geht mein Weg weiter. Ich durchquere das Ortszentrum entlang der Hauptstraße und folge dann dem Verlauf des Sigwardswegs auf Nebenstraßen aus dem Ort heraus.
Etwa auf halbem Weg zu meinem nächsten Wegpunkt, dem Kloster Schinna, liegt der jüdische Friedhof. Hier lege ich eine kurze Pause in und sehe mich etwas um.




Die Grabsteine sind – wie bei vielen jüdischen Friedhöfen – sowohl in lateinischen Buchstaben als auch in hebräischer Schrift beschrieben. Teilweise befindet sich die Schrift untereinander auf der gleichen Seite des Grabsteins, teilweise ist eine Seite in lateinischer Schrift beschrieben, die andere Seite in hebräischer.
Etwas 15 Minuten später habe ich mit dem Kloster Schinna meinen nächsten Wegpunkt erreicht. Schon von Weitem begrüßt mich ein großes hölzernes Gestell, auf dem sich ein bewohntes Storchennest befindet. Oben über den Rand des Nestes schaut der Kopf des brütenden Storches heraus.
Die Klosteranlage dienst heute überwiegend landwirtschaftlichen Zwecken.
Die Klosterkirche – St. Vitus-Kirche – ist eine typische Hase-Kirche aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, wie sie auch in unserer Gegend häufiger zu finden ist. Leider ist auch sie verschlossen.
Jetzt folgt eine lange Wegstrecke durch Felder, ab und zu durch landwirtschaftliche Gehöfte aufgelockert, die aber keine Sehenswürdigkeiten mehr bietet.
Der Weg fällt mir hier zunehmend schwerer und ich werde auch immer langsamer. Während sich bislang auf dem Weg hin und wieder die Möglichkeit bot, sich mal kurz auf einer Bank auszuruhen, findet sich auf diesem Abschnitt kein Rastplatz, nicht einmal Sitzgelegenheit. Außerdem bekomme ich Schmerzen im rechten Iliosakralgelenk. Ich merke, dass ich – getrieben von meiner Zeitvorstellung, unbedingt den Bus um 15:00 Uhr erreichen zu wollen – bis hier viel zu schnell unterwegs war. Während ich gestern einen Schnitt von knapp 5 km/h gegangen bin, lag der Schnitt heute bislang deutlich über 5 km/h. Ich merke schließlich, dass ich mein Etappenziel zeitlich problemlos erreichen werde und gehe daher deutlich langsamer. Danach lassen auch die Schmerzen etwas nach.
Nachdem ich an keinem Rastplatz mehr vorbeikomme, setze ich mich schließlich auf eine Rasenfläche am Wegrand und lehne mich mit dem Rücken an einen Baum. Hier verzehre ich mein Mittagessen und ruhe mich etwa eine halbe Stunde aus. Dann gehe ich langsam weiter.
Schließlich komme ich meinem heutigen Etappenziel immer näher. Der Kirchturm der St. Martin-Kirche von Nendorf ist bereits über den Dächern der Häuser zu sehen.

Gegen 13:30 Uhr habe ich schließlich das Ortszentrum erreicht. Durch eine weitläufige Parkanlage erreiche ich schließlich über „de Kerken Brügge“ die Kirche.


Auch bei der St. Martin-Kirche handelte es sich einstmals um ein Kloster. Es wurde im 13. Jahrhundert unter Bischof Thelmar von Minden als Nonnenkloster errichtet. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster wieder aufgelöst. Auch die Kirche wurde mehrfach umgebaut.

Die Küsterin der Gemeinde ist auf dem Gelände mit Gartenarbeiten beschäftigt, darum ist die Kirche offen. Ich schaue mir auch das Innere noch an, das sehr schlicht gehalten ist.



Ich frage die Küsterin nach einem Pilgerstempel und sie führt mich ins Pfarrhaus zum Pastor, der mir den Stempel gibt und noch ein kurzes Gespräch über meinen Weg mit mir führt.
Damit ist auch meine heutige Etappe beendet und ich kann sogar eine Stunde früher als geplant meine Heimreise mit Bus und Bahn antreten.
Die Länge der heutigen Etappe betrug 18,3 km, die reine Gehzeit 3:42 Std.
Die Etappen habe ich auch wieder – wie gewohnt – bei Komoot aufgezeichnet. Hier sind die Links zu den Etappen:
Jetzt fehlen mir noch zwei Etappen, um den Sigwardsweg zu komplettieren. Ich hoffe, dass ich sie noch vor dem Start zur großen Reise Ende Mai absolvieren kann.










